Beinsa Douno über Christus

Folgender Text stammt aus dem Buch „Der Meister spricht“ (1939), in dem Beinsa Dounos Schüler Georgi Radev (1900-1940) ausgewählte und nach Themen sortierte Auszüge aus dem Wort des Meisters veröffentlich hat.

 Die erste deutschsprachige Ausgabe des Buchs stammt aus dem Jahr 1941

Christus

Heutzutage unterteilen die Menschen Christus in einen historischen, kosmischen, mystischen usw. Aber Christus an sich ist einheitlich und untrennbar. Es gibt nur einen Christus – den lebendigen Christus, der eine Offenbarung Gottes, eine Manifestation der Liebe ist.

Christus ist Gott, der sich der Welt offenbart. Als die Offenbarung Gottes kann man Ihn nicht von Gott trennen oder Ihn außerhalb von Gott betrachten. Und wenn ich von Christus rede, betrachte ich Ihn nicht als ein abstraktes Prinzip, sondern als die reale Verkörperung der Liebe.

Die Liebe ist die höchste Realität und nicht etwas Abstraktes. Sie hat eine Form, einen Inhalt und einen Sinn.

Christus gab den vollkommenen Ausdruck der Liebe auf der Erde, unabhängig davon, wie Ihn die Menschen auffassten — als historisch, kosmisch oder mystisch. Denn Christus ist und bleibt als historische Persönlichkeit, als kosmisches Wesen und als mystisches Erlebnis die vollkommenste Offenbarung der Liebe. Und tatsächlich war auf der Erde vor Christus kein Mensch, der mehr Liebe besaß als Er. Sowohl draußen im Kosmos als auch drinnen in den mystischen Tiefen der Seele gibt es keine vollständigere Offenbarung der Liebe als diese, die Christus personifiziert.

Und dann, wie soll man die Begriffe historischer, kosmischer und mystischer Christus verstehen?

Als ein ideeller, zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt in Erscheinung tretender Mensch und als ein Vorbild des wahren Menschen ist Christus historisch. Dann schreibt die Zeit Chroniken und legt ihr Zeugnis über Ihn ab: „Seht, da ist der Mensch! Da ist der wahre Mensch, in dem die Liebe, die Weisheit und die Wahrheit wohnen, und der sie anwendet.“ Innerlich erkannt wird Er mystisch. Im Begreifen und in der Erkenntnis Gottes als Gott der Offenbarung wird Er kosmisch.

Dann ist der physische Aspekt Christi die ganze Menschheit, die in einem Körper vereint ist. Alle menschlichen Seelen, in denen Christus in einem vereint lebt, stellen den physischen Aspekt Christi dar. Alle Engel, die im Herzen Christi vereint sind, stellen Seinen geistigen Aspekt dar. Und alle Götter, die im Verstand Christi vereint sind, stellen Seinen göttlichen Aspekt dar. Das ist der kosmische Christus, der auf der Welt offenbarte Gott.

Deshalb sieht der Mystiker überall Christus – den großen Bruder der Menschheit, das Urbild des Menschen, den Erstgeborenen auf der Welt, den Anbeginn des menschlichen Geschlechts, der menschlichen Evolution; den Erstgeborenen, der alle göttlichen Tugenden entwickelte und offenbarte, der alle göttlichen Gesetze anwendete; den Erstgeborenen, der erfolgreich alle Prüfungen bestand und alles für Deine Brüder opferte. Berge, Felder, Quellen, Flüsse, Meere, mit allen Naturschätzen, die in ihnen verborgen sind – das alles ist eine Offenbarung dieses großen Bruders. Aber das ist ein tiefes Geheimnis, für dessen Verständnis Tausende von Jahren harter Arbeit erforderlich sind. So muss man Christus in Seiner Weite erfassen.

Er ist der Eine, obwohl ihn die Menschen sowohl als historischen als auch als kosmischen oder mystischen Christus auffassen. All diese Worte müssen beim wahren Erkennen Christi als eine offenbarte Liebe zu Gott aufleben und keine trockenen Begriffe, keine Gefängnisse des menschlichen Denkens bleiben.

Und wahrlich: Ist für viele Christen nicht der historische Christus, der vor 2000 Jahren kam, ein Gefängnis ihrer Seelen? Wo sprach Christus vor 2000 Jahren von sich selbst als von einer historischen Persönlichkeit? Er spricht von sich selbst als von einem Geist, der immer auf der Erde bestehen wird, bis zur Vollendung des Zeitalters, d. h. bis zur Vollendung dieses Zeitalters der Gewalt und des Übels, das seine letzten Tage lebt. „Geht nun hin und lehrt sie“, sagt er Seinen Jüngern, „und ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.“(Mt 28,19-20)

Einer der größten Irrtümer ist es, zu glauben, dass Christus im Himmel sei, dass Er sitze und auf das Jüngste Gericht warte, um zu beginnen, über die Lebenden und die Toten zu urteilen. Die Wahrheit ist, dass Christus niemals die Erde verlassen hat. Erinnert euch an Seine Worte: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden“(Mt 28,18).

Christus ist es, der das historische, kosmische und mystische Leben auf der Erde und die Menschheit bewegte, bewegt und bewegen wird. Ohne Christus gibt es keine Geschichte. Ohne Christus gibt es keinen Kosmos, d. h. keine organisierte und geregelte Welt. Ohne Christus gibt es kein mystisches Leben.

Er ist der große Inspirator aller Offenbarungen aller Zeiten. Er ist die unsichtbare Triebkraft des ganzen geistigen Lebens der Menschheit. Das bezeugt auch die Heilige Schrift, in der Christus als zentrale Person erscheint. Darauf deutet Christus selbst mit den Worten an: „… was über mich geschrieben steht in dem Gesetz Moses‘ und den Propheten und Psalmen“ (Lk 24,44).

Mose repräsentiert im weitesten Sinne alle geistigen Führer der Menschheit, alle Gelehrten, Philosophen, Schriftsteller, Dichter, Künstler, Musiker, die den menschlichen Verstand auf das Verstehen Christi und der göttlichen Wahrheit vorbereitet haben. Unabhängig davon, wie vergänglich ihre Werke und wie veränderlich ihre Theorien erscheinen mögen, sind sie nicht willkürlich, sondern wurden unter dem Einfluss eines Weltgesetzes des Geistes geschaffen, das in den Menschen auf eine spezifische Art wirkt. All diese Menschen trugen zur allgemeinen Erhebung der Menschheit bei, sie bereiteten den Weg für die Ankunft Christi vor. Denn es ist nicht einfach, dass ein großer Geist wie Christus unter die Menschen kommt. Sie müssen im Laufe von vielen Jahrtausenden hart arbeiten, damit Christus unter sie kommt. Es ist nicht leicht, auf die Erde herabzusteigen.

Aber mit Seinem Herabstieg auf die Erde leitete Christus ein neues Zeitalter in der Entwicklung der Menschheit ein. Er bahnte den einzigen Weg, auf dem die menschliche Seele zu Gott kommen kann. Deswegen sagt Er: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“(Joh 14,7).

Im weitesten Sinne des Wortes ist der Weg die Bewegung des Geistes in der vernünftigen Anwendung der Naturgesetze. Das Leben – das ist das harmonische Organisieren der Elemente und die Entwicklung der Kräfte in der göttlichen Seele. Die Wahrheit – das ist eine Offenbarung des einen Gottes, der die Bedingungen für die Entwicklung aller Lebewesen schafft.

Aus der göttlichen Welt der Wahrheit hervorgegangen und in die materielle Welt hineingegangen, verbindet Christus die menschlichen Seelen mit der Welt der Wahrheit, wo sich die erhabenen Ziele jedes Seins verbergen. Es ist ein Faden notwendig, der die menschlichen Seelen, die in der Materie versunken sind, mit Gott vereint. Nur Christus ist im Stande, diesen Faden zu spinnen, der die Menschen mit Gott vereint. Denn Er ist aus der göttlichen Welt herabgestiegen, um das Leben aus der Welt der Wahrheit zu bringen. Indem Er auf diese Weise den Weg vorgab, der vom zeitlichen zum ewigen Leben führt, stieg Er wieder hinauf.

„Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen“ (Joh 17,3), sagt Christus. Gott zu erkennen, d. h. die Keime des Geistes, die Bedingungen, Kräfte und Gesetze zu erkennen, auf die sich diese große Ordnung der Dinge stützt und nach der sie aufgebaut ist; und Christus zu erkennen, d. h. das Prinzip der Vernunft zu erkennen, das aus dem einen Gott hervorkommt, allen Menschen Leben bringt, sie anleitet und schützt, indem es sie mit dem uranfänglichen Zentrum von allem, was ist, verbindet. Christus ist der Weg jener vernünftigen Bewegung der Seelen, die sie zum ewigen Leben in der Wahrheit führt.

Deswegen antwortete Christus, als man ihn fragte, warum Er auf die Erde kam: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, auf dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe“ (Joh 18,37). Diese Worte sind aber eine mathematische Formel. Die Frage nach dem Kommen Christi ist eine der tiefsten Fragen im menschlichen Leben. Aber viele glauben, dass es leicht sei, auf diese Frage zu antworten. Sie sagen, dass Christus auf die Erde gekommen sei, um zu leiden und die Menschheit zu retten. Aber das Kommen Christi ist keine Frage des Leidens. Das Leiden ist eine sekundäre Erscheinung im Leben Christi; nur durch das Leiden lässt sich dieser wichtige Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit bei Weitem nicht definieren. Die Erlösung, so wie sie die Menschen auffassen, stellt nur ein partielles Verständnis dieses großen Ereignisses dar.

Heutzutage erzählen alle Prediger, dass Christus auf die Erde gekommen sei, um die Menschen zu erlösen. Wenn Christus die Menschen auf jene mechanische Weise erlöst hätte, wie die Menschen sie verstehen, und wenn sie wirklich erlöst wären, würden sie nicht mit dem Geist Christi und Seiner Lehre im Widerspruch leben. Offensichtlich hat die Idee der Erlösung eine ganz andere Bedeutung. Sie ist nicht dort, wo die Menschen sie suchen und sie kommt nicht so mechanisch, wie sie denken.

Christus brachte die Seelenlehre auf die Erde. Er zeigte den Weg, auf dem die menschlichen Seelen Gott erkennen und das ewige Leben erlangen können. Das Tor zu diesem Weg ist die Liebe. Wer durch dieses Tor hindurchgeht, wird auf jenen königlichen Weg kommen, auf dem ihn große Heldentaten erwarten.

Viele große Seelen sind vor Christus auf die Welt gekommen, aber sie konnten die mühsame Aufgabe, die Menschheit zu erheben, nicht lösen. Christus sollte kommen, um diese bedeutende und wichtige Aufgabe zu lösen und den Menschen einen erprobten Weg zu zeigen, auf dem auch sie diese Aufgabe lösen können. Vor Christus sandte Gott Seine Diener – Propheten und Heilige – auf Seinen Acker, aber sie konnten die Aufgabe nicht richtig lösen. Als Christus, der Sohn Gottes, auf die Erde herunterkam, vereinten sich die Arbeiter des ganzen Himmels in Seinen Namen, um das Angefangene zu Ende zu führen.

Im Evangelium heißt es: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh 3,16). Der Sohn – das ist das Wort, das Vernünftige, das Göttliche, was als Einziges die Harmonie auf der Welt und die Verbindung der menschlichen Seelen zu Gott wiederherstellen kann. Christus konnte diese Verbindung wiederherstellen und Einfluss auf die Menschheit als Ganzes ausüben, denn Er selbst war mit dem großen, mächtigen Ganzen verbunden. Und wenn im Evangelium davon die Rede ist, dass der Geist auf Christus herniederfuhr, dann ist jene Vereinigung Christi mit dem kollektiven Geist der vernünftigen Welt gemeint, dank der die Verwirklichung einer göttlichen Idee auf der Erde möglich wurde. Denn ein solches ist das Gesetz auf der Erde: Damit das Werk Gottes vollbracht wird, soll sich ein Mensch auf der Erde mit einem Wesen im Himmel vereinen. In diesem Fall war dieses Wesen der kollektive Geist Gottes.

Von diesem Standpunkt aus ist Christus ein kollektiver Geist. Er existiert als das Eine, ist aber zugleich ein kollektiver Geist. Er ist die Summe aller Söhne Gottes, aus deren Seelen und Herzen Leben und Liebe sprudelt. Alle Söhne Gottes in einem vereint, alle vernünftigen Seelen, die in göttlicher Einheit leben, sind Christus.

Das Kommen Christi ist das wichtigste Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Es ist ein außergewöhnliches Ereignis sowohl dem Gehalt als auch dem Sinn nach. Mit diesem Ereignis ist die Hauptidee des menschlichen Lebens – die Idee der Unsterblichkeit, des ewigen Lebens – verbunden. Und die Bemühungen des ganzen menschlichen Daseins laufen auf Folgendes hinaus: die Unsterblichkeit zu erlangen und in das ewige Leben einzutreten.

„Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen“ (Joh 17,3). Also Gott zu erkennen, Christus zu erkennen. Haben die Menschen Christus erkannt, als Er vor 2000 Jahren vor ihnen erschien? Kennen sie Ihn heute? Wenn die Wahrheit in der Welt erscheint, wird sie nicht königliche Kleider, sondern ein bescheidenes Gewand anziehen. So erschien auch Christus vor 2000 Jahren in einer einfachen Form, in der die Menschen Ihn nicht erkennen konnten. Aber solcher Art sind die Gesetze dieser Welt. In dieser einfachen Kleidung – augenscheinlich ein Mensch wie alle anderen – wurde Er sogar von seinen Jüngern nicht in Gänze erkannt. Nur drei von ihnen sahen in der Verklärung Christi Sein Gesicht, d. h. Sein Inneres. In diesem inneren Licht sahen und erkannten sie Ihn so, wie Er unter den Engeln war.

Für die Juden war Christus der Sohn von Joseph dem Tischler. Für die jüdischen Lehrer und die Pharisäer war Er ein Gotteslästerer, ein selbsternannter Messias, der sich selbst Sohn Gottes nannte. Er stammte nicht aus ihrem Kreis, hatte nicht bei ihnen gelernt.

Wo hat Christus gelernt? Denn alles, was Er leistete, zeugte von Seinem umfangreichen Wissen. Es gibt heute noch Menschen, die meinen, dass Christus ein einfacher, ungebildeter Mensch gewesen sei. Das stimmt überhaupt nicht. Christus selbst sagt, wenn Er sich an Seine Zuhörer wendet: „Wenn ich euch das Irdische gesagt habe, und ihr glaubet nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch das Himmlische sage?“ (Joh 3,16) Wenn Christus von dem Himmlischen spricht, versteht Er darunter die großen Mysterien der Sonne. Er verstand aber auch das Irdische, denn Er war mit der Kabbala, mit der Philosophie der Völker aus dem Morgenland und der Griechen sowie mit den damaligen Wissenschaften vertraut. Christus hatte es nicht nötig, an den menschlichen Schulen zu lernen. Auch im Hinblick darauf, dass Sein ganzes Leben eine angewandte Lehre für Ihn selbst war. Er war eine Quelle neuer Erfahrungen, ein Anwendungsfeld jener großen Prinzipien und Gesetze, deren Wirkung in der unsichtbaren Welt Er kannte. Dank Seines wachen Bewusstseins und der Verbindung zur unsichtbaren Welt konnte Er immer unmittelbar aus diesem Wissen schöpfen.

Und als Christus betete, war für Ihn das Gebet ein Gespräch mit der vernünftigen Welt. Durch das Gebet kam Er mit der unsichtbaren Welt, mit allen Hierarchien in ihr, mit Gott ins Gespräch. Durch das Gebet vermittelte die unsichtbare Welt Christus jene große Lektion, die Er auf der Erde lernen sollte, offenbarte Ihm jene Aufgabe, die Er unter den Bedingungen des irdischen Lebens lösen sollte. Erst nach der Lösung Seiner schweren Aufgabe verstand Er durch die eigene Erfahrung, dass der einzige Weg, die Menschheit zu erlösen, die Liebe ist. Dann begriff Er den tiefen Sinn all Seiner Leiden.

Für die Menschen aber, unabhängig davon, was man sagen mag, bleiben die Leiden Christi, Seine Kreuzigung und Sein schändlicher Tod eines der größten Rätsel. Warum sollte Christus – die größte Seele, die jemals die Erde besuchte, der größte Charakter, der sich je offenbarte -, warum sollte dieser gute, kluge und starke Mensch so tragisch sterben? Die Heilige Schrift sagt, es habe so sein sollen, sonst nichts. Andere behaupten, es sollte so kommen, damit die Welt erlöst wird. Und Christus selbst sagt, dass Er in die Welt gekommen ist, um Zeugnis für die Wahrheit abzulegen.

Eins kann man mit Sicherheit sagen: Christus wurde gekreuzigt, weil die Liebe äußerlich keinen Anteil an Seinem Leben hatte. Und dort, wo die Liebe nicht teilhat, erscheinen die größten Leiden, die größten Dramen und Tragödien. Nicht die Liebe schafft sie, sondern der Kampf um die Liebe. Die Liebe selbst bringt überall Licht, Frieden und Freude. Wie dem auch sei, wir sehen, dass die Kreuzigung Christi zugelassen wurde.

Am Kreuz erlebte Christus das, was man ideell-mystisches Leiden nennt – die tiefsten und intensivsten Leiden, die eine menschliche Seele erleben kann. Er musste den bitteren Kelch des Leidens bis zur Neige leeren, jenen Kelch, in dem sich alle bitteren Bodensätze der Vergangenheit befanden. Aber durch diese kondensierten, intensiven Leiden offenbarten sich Ihm alle Geheimnisse der Vergangenheit. Und deshalb sagt Christus – die Wichtigkeit des Augenblicks einsehend – nach dem im Garten Gethsemane erlebten inneren Drama: „Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen“ (Joh 12,27). Durch die mächtige Kraft der Alchemie transformierte Er die Gifte im Kelch und vernichtete auf diese Art und Weise ein für alle Mal die Gewalt.

Konnte Christus, der ein starker, genialer Mensch war, der Seinen hohen Ursprung kannte, der alles vorhersah und wusste, was geschehen wird, die Leiden, die Ihn erwarteten, wirklich nicht abwenden? Vor Ihm stand die Alternative, entweder die „Engelslegionen“ anzurufen, um mit deren Hilfe das jüdische Volk und das Römische Reich zu vernichten, d. h. sich der Methoden der Vergangenheit zu bedienen – der Methode der Gewalt und des Schwertes von Mose und Ilias und der alten Magier und Adepten – oder den Kelch und das Kreuz anzunehmen und sie durch die Kraft der Liebe zu überwinden. Christus wählte das Zweite und das war der erste Versuch dieser Art auf der Erde.

Wenn sich Christus von den Leiden, von dem Kreuz, an dem man Ihn später kreuzigte, von den Nägeln, mit denen man Ihn festnagelte, von dem Speer, mit dem man Ihn durchstach, hätte abschrecken lassen, hätte Er keine neue, wesentliche Lösung für die schwere Aufgabe, die menschliche Seele zu erheben, gebracht. Er schmolz mit dem Feuer der Liebe – das einzige Feuer, das die Waffen der Gewalt schmelzen kann -, sowohl Schmach als auch Peitschenschläge, Kreuz, Nägel und Speere. Und Sein Versuch war erfolgreich.

So löste Christus eine Aufgabe, von deren Lösung die Zukunft der ganzen Menschheit abhing. So fand Er den Weg zur Erlösung jener leidenden Seelen, für die Er gekommen war. Even für diese einfachen, aber erhabenen Seelen, die den Mut hatten, an Ihn zu glauben, und nicht für die gelehrten, religiösen Menschen Seines Jahrhunderts gab Christus Sein Leben hin, damit sie in jener Liebe leben, die Er ihnen brachte.

In den Leiden Christi steckt etwas Großartiges. Sie stellen die verborgene Seite des Lebens Christi dar, von der die Menschen nichts wissen. Wenn ich von den Leiden Christi spreche, tauchen vor meinem inneren Auge jedoch zwei Eigenschaften Christi auf, nämlich Seine einzigartige Geduld und Seine Demut. Durch sie ertrug Er alle Verleumdungen, jede Schmach und Beleidigung, die man Ihm zufügte. Angesichts all dessen stand Er still, blieb ruhig und unerschütterlich, als ob nichts geschehen wäre. Keine Träne quoll aus Seinen Augen hervor. Das ist eine große Geduld, das ist Selbstbeherrschung, das ist Liebe! Das ist ein Fels, den nichts zertrümmern konnte.

Die Kreuzigung Christi war eine Tragödie, aber für diese Tragödie gab es auch eine Lösung – die Auferstehung. Christus ist auferstanden und hat den Tod besiegt. So wie sich Ihm in den Leiden die Geheimnisse der Vergangenheit offenbart hatten, so offenbarte sich Ihm in der Kreuzigung die Zukunft.

In der Person Christi haben wir einen starken Menschen, einen mächtigen Geist, einen Helden. Er überwand alles – Qualen, Kreuz und Grab.

Christus trug nicht bis zuletzt das Holzkreuz. Er trug es bis zu einer gewissen Stelle und dann warf Er es auf die Erde. Die Menschen glauben, dass Er das Kreuz warf, weil Er unter dessen Last zusammenbrach. Nein, Christus war kein schwacher Mensch. Er konnte das Kreuz tragen, aber Er ließ es, um der Menschheit zu zeigen, was sie erwartet. Er wollte sagen: „Ich kann das Kreuz der Leiden der lebendigen Menschen tragen, aber ein Holzkreuz will ich nicht tragen!“ Doch die heutigen Christen tragen und küssen immer noch das Holzkreuz, das von Christus selbst verachtet wurde!

Das Holzkreuz auf die Erde werfend, richtete sich Christus auf und machte sich erhobenen Hauptes auf Seinen Weg nach Golgatha. Man nagelte Ihn ans Kreuz. Aber auch am Kreuz hing Er nicht lange. Er löste sich selbst von den Nägeln. Wie? – Indem Er seinen Körper verließ und zu Joseph von Arimathäa ging.

Man beerdigte Ihn und schloss das Grab. Auch diesen Ort verließ Er. Er wollte Seinen Leib nicht im Grab zurücklassen, denn dieser war lebendig. Er ließ Ihn selbst auferstehen.

Der Engel, der Seinen Tod verursachte, brachte Seine Seele in die Hölle, aber auch hier blieb Christus nicht lange. Mit Seinem Eintritt in die Hölle verursachte Er eine Revolution; Er rüttelte all ihre Bewohner auf und ließ sie frei. Denkt nicht, dass Christus nach Seiner Auferstehung allein war! In der Hölle war Er Führer einer ganzen Armee von Engeln, die die Hölle von allen Gefangenen reinigte.

Mit all dem bewies Christus, dass man den Starken weder ans Kreuz genagelt halten noch in einem Grab einschließen kann. Der Starke stirbt nicht, er ersteht wieder und schenkt auch den anderen Leben. Christus ist das Herz Gottes und deshalb ist Er auferstanden. Das Herz Gottes kann nicht sterben. Es kehrte dorthin zurück, wo es hergekommen war. Aber mit dieser Tragödie, die sich auf Golgatha abspielte, wurde neues Blut in die erschöpften Adern der Menschheit übertragen und ein neuer Impuls für den göttlichen Kreislauf des Lebens gegeben.

Bei seinem Erscheinen vor 2000 Jahren auf der Erde zeigte Christus nur die eine Seite Seiner Gestalt. Wir sehen Christus in Erniedrigungen und Kummer, in Leiden und Prüfungen. Wir sehen Ihn als einen Helden der Erlösung. Die Menschen kennen Christus noch nicht in Seiner göttlichen Macht und Kraft.

Stark und mächtig ist Christus jetzt! In der Vergangenheit nagelte man die Hand Christi an. Aber heute kann keiner diese Hand mehr annageln – die Nägel würden augenblicklich schmelzen. In der Vergangenheit kreuzigte man Christus, aber heutzutage gibt es kein so großes Holz, an dem man ihn kreuzigen könnte. Christus kann nicht zum zweiten Mal gekreuzigt werden!

Dieser Christus kommt jetzt, um den Verstand und die Herzen der Menschen aufzusuchen. Er wird alle Gefängnisse zerstören, alle falschen Lehren hinwegfegen – all das, was den menschlichen Verstand und das Herz vernichtet, was sie zur Verunsicherung und Unordnung bringt, was das menschliche Leben lähmt. Er ist der lebendige Christus, der allen Seelen Leben, Licht und Freiheit bringt, der in ihnen Liebe zu allem erweckt.

Wenn ich sage, dass Christus jetzt kommt, denken manche, dass Er von außen kommen wird. Christus kommt nicht von außen, Er kommt weder in menschlicher Gestalt noch in einer anderen Form. Wenn die Sonnenstrahlen in eure Häuser dringen, bedeutet das, dass die Sonne selbst euch besucht hat? Merkt euch: Christus ist eine Offenbarung der göttlichen Liebe. Und Er wird als inneres Licht im Verstand und in den Herzen der Menschen erscheinen. Dieses Licht wird alle Wesen um Christus herum wie um ein großes Zentrum heranziehen. Das Öffnen des menschlichen Verstandes und der menschlichen Herzen und die innerliche Annahme Christi wird das zweite Kommen Christi auf Erden sein. Wenn die Menschen ihn nicht so annehmen, wird das Leben der Lieblosigkeit, der Leiden, der Not, des äußeren Glaubens, des Aberglaubens und der Täuschungen weiter andauern.

Von diesem äußeren Glauben gefesselt, stolpern viele religiöse Menschen, wenn sie sagen: „Christus brachte vor 2000 Jahren eine frohe Botschaft. Er sagte, was er zu sagen hatte und jetzt ist Er bis zum Jüngsten Gericht in den Himmel aufgefahren, bis Er wieder kommen wird, um über die Lebenden und die Toten zu richten.“ Ich aber sage euch: Christus brachte die frohe Botschaft nicht in Raum und Zeit. Wir betrachten Christus und Seine Lehre nicht als etwas Vergangenes. Wir betrachten Christus und Seine Lehre nicht als etwas, was in der Zukunft kommen wird. Wir betrachten Christus und Seine Lehre als etwas, was ewig gegenwärtig ist.

Aus diesem Grund hörte Christus nicht nur während Seiner dreijährigen Predigt, sondern auch während dieser 2000 Jahre nicht auf zu sprechen. Und wenn man all das wiederherstellen könnte, was Er während dieser drei Jahre sagte, als Er den damaligen Menschen predigte und wenn man auch das wiederherstellen könnte, was Er während dieser 2000 Jahre sprach, hätten die Menschen ein wertvolles Wissen.

Aber auch davon, was Er während dieser drei Jahre des Predigens sprach, ist sehr wenig, sind nur Bruchstücke erhalten geblieben. Auch viele von den Botschaften von Paulus und der anderen Apostel sind für die Welt weiterhin verborgen geblieben. Auch sie werden jetzt offenbart, jedoch nur den fortgeschrittenen Schülern.

Glaubt ihr, dass Christus Seine ganze Lehre vortrug? Im Vergleich dazu, was Christus brachte, gab Er den damaligen Menschen sehr wenig. Die Menschen damals waren nicht auf Seine Lehre vorbereitet. Aus diesem Grund sprach Er zu ihnen in Gleichnissen. Christus wollte nicht Seine Waffe in die Hände der Ungebildeten legen, damit sie diese gegen Ihn wenden.

Glaubt ihr, dass, wenn Christus heute kommt, Er so sprechen würde wie vor 2000? Heute würde Er anders sprechen. Er würde vor allem die große Lehre der Liebe und die Methoden predigen, mit denen man sie anwenden kann. Er würde den Weg der Schülerschaft, der Bruderschaft und des Dienens predigen, weil das Gesetz der Evolution heute dies verlangt.

Und jetzt wendet sich der große Meister, indem Er die Grundlagen der neuen frohen Botschaft bekannt gibt, an alle erwachten Seelen: „Mögen alle fleißigen Schüler, gute Brüder, treue und wahre Diener sein!“ Denn nur diejenigen, die fleißige Schüler, gute Brüder und wahre Diener sind, können Schöpfer der neuen Kultur sein, in der Christus in jedem Menschen und unter allen Menschen leben wird.

Nicht einfache Gläubige will Christus, nicht Menschen, die gegeneinander kämpfen, nicht Herrscher und Priester, sondern wahre Menschen, Schöpfer des Neuen – Schüler, Brüder und Diener. Nicht Menschen, die Ihn ständig in ihrem Inneren kreuzigen, will Christus, sondern Menschen, die Ihn annehmen. um mit ihnen und unter ihnen zu leben und die eins mit Ihm sind.

Heute verkündet Christus eine neue Kultur ohne Kreuzigungen, eine Kultur der Auferstehung. Denn wir haben die Ergebnisse der heutigen Kultur gesehen – eine Kultur, die von Menschen geschaffen wurde, welche Christus kreuzigten. Die Zeit ist gekommen, die Grundlagen einer neuen Kultur zu legen, die nicht von Menschen entwickelt wird, welche sich vor dem gekreuzigten Christus verbeugen, sondern von Menschen, die Brüder sind, in denen der lebendige Christus der Liebe lebt. Die Grundlage dieser Kultur wird die Liebe sein. Weil die Liebe die einzige Kraft ist, die die Menschen zu fleißigen Schülern, guten Brüdern, treuen und wahren Dienern sowie Schöpfern des neuen Lebens machen kann. Das ist das Neue, das Christus heute der Menschheit bringt. Das ist die Sprache der Großen Universellen Bruderschaft, das ist es, was der Meister sagt.

Aber werden dann nicht viele Gläubige, die sich Christen nennen, durch Sein Wort in Versuchung geführt? Und werden sie Ihn erkennen? Sie werden weiter über den gekreuzigten, über den historischen und kosmischen Christus streiten, über Christus, wie Ihn die verschiedenen Kirchen auffassen, und der Geist Seines lebendigen Wortes wird ihnen fremd bleiben. Deswegen sage ich euch: Lasst diese Definitionen und Unterscheidungen Christi beiseite!

Wisst, dass es nur einen Christus der großen Liebe gibt, der jetzt in der Welt und in den Seelen der Menschen wirkt! Über diesen Christus spreche ich zu euch, nicht über den historischen oder gekreuzigten Christus. Schließlich kennen die Menschen Christus hinreichend als historische Persönlichkeit, aber als lebendige Liebe kennen sie Ihn nicht. Über den lebendigen Christus spreche ich zu euch, über jenen Christus, der in sich das Leben, das lebendige Wissen, das Licht, die Wahrheit und die Freiheit trägt. Ich spreche über jenen Christus, der alle Methoden zum Aufbau des vernünftigen Lebens bringt. Er ist der große Christus, der sich Haupt der Großen Universellen Bruderschaft nennt. Ihn kennen alle großen Seelen und zwischen ihnen existiert kein Streit, wer und was für einer Er ist, wo Er jetzt ist, welchen Platz Er in der Hierarchie der Meister einnimmt usw. Sie streiten nicht, denn sie wissen mit absoluter Sicherheit, welchen Platz Christus und die anderen großen Menschen, die in der Welt erschienen sind und erscheinen werden, im Ganzen einnehmen.

Diesen Christus sollen die Menschen heute erkennen! Ihn sollen sie sehen, schauen und erkennen. Denn viele wollen uns überzeugen, dass wir wahre Christen sein können, ohne Ihn zu sehen und innerlich zu erkennen. Ich behaupte aber, dass aus dem Menschen nichts werden kann, wenn er Christus nicht sieht. Aber damit der Mensch Christus sieht, soll er einen Verstand, ein Herz, eine Seele und einen Geist wie Christus haben. Alle, denen Christus erschien, waren mit dem Gesicht zu Boden gefallen, bevor sie diesen Zustand erreichten. Und was kann ein gefallener Mensch sehen?

Der Mensch soll von der Quelle selbst trinken und nicht vom Fluss, der trübe ist, weil in ihn viele Zusätze hineingekommen sind. Mach dich auf den Weg, der zu dieser Quelle führt; der Weg ist ziemlich schwierig und lang, aber dafür wirst du selbst an der Quelle vom Wasser des Lebens trinken, das für immer deinen Verstand und dein Herz erfrischen wird. Vor deinen Augen werden sich bis dahin ungeahnte Horizonte eröffnen. Auf diesem Berg, wo die Quelle des Lebens sprudelt, wirst du die Stimme Gottes hören.

Wünsche dir, nicht dort zu bleiben, sondern geh zu deinen Brüdern hinunter! Geh hinunter und wende als Schüler, als Bruder und als Diener die lebendigen Worte deines himmlischen Vaters an, der dich mit den Fäden seiner Liebe zu sich herangezogen hat!

Diese Fäden liegen in den Händen Christi, des offenbarten Gottes der Liebe.

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