Das Hemd der Letten

Auszug aus den Erinnerungen von Galilei (Gavrail) Velitschkov (1911 – 1985) aus dem Buch „Изгрева” – “Der Sonnenaufgang der Weißen Bruderschaft – wie er singt und spielt, lernt und lebt“ – Bandreihe mit Memoiren der Schüler Beinsa Dounos, Band 1, Vergilij Krastev (Herausg.), Sofia, 1993.

1939 kam eine Gruppe von Brüdern und Schwestern aus Lettland nach „Izgreva“, um uns zu besuchen und sich mit dem Meister zu treffen. Sie blieben bei den Bewohnern der Siedlung, nahmen am Lager an den Sieben Seen im Rila teil und es wurde langsam Zeit, nach Hause zurückzufahren. Eines Tages ordnete der Meister plötzlich an, was er den Letten durch Savka Keremidtschieva* ausrichten ließ, dass die lettische Gruppe unverzüglich abreisen solle. Savka wusste, dass dies etwas Außerordentliches bedeutete und es einen Grund dafür gab. Noch am selben Tag wurden die Letten zum Bahnhof gebracht, wo sie den Zug nach Russe nahmen. Am nächten Tag rief der Meister Savka zu sich und sagte ihr mit strengem Ausdruck auf seinem Gesicht: „Wo ist das Hemd, das mir die Letten geschenkt haben?“

Savka ging, um das Hemd zu suchen, fand es und brachte es dem Meister. Er zog sein Jackett aus und das lettische Hemd über sein Hemd an. Danach zog er wieder sein Jackett über und sagte: „So ist es gut. Nun sollen sich alle an ihre Arbeit machen!“

Der Meister blieb allein. Er hatte seine Aufgaben und Savka ging fort, ohne ihn etwas zu fragen. Savka wusste aus Erfahrung, dass sie auf den Ausgang der Geschichte mit diesem lettischen Hemd warten sollte. Am nächsten Tag rief der Meister Savka zu sich: „Sie haben die Grenze passiert! Du kannst das Hemd der Letten wieder nehmen. Durch das Hemd wurde die Beziehung zwischen mir und ihnen hergestellt, denn ihr Bewusstsein konnte keine direkte Verbindung zu mir aufnehmen und es musste diese Methode benutzt werden.“

Er zeigte auf das Hemd, zog es aus und gab es Savka, die es als Erinnerung an die Begebenheit aufbewahrte.

Einige Tage später kam ein Brief von der Bruderschaft in Russe. Er berichtete über die Komplikationen, die die lettische Gruppe erleben musste, bis sie mit der Fähre die Donau überqueren durfte. Der Krieg war nämlich ausgebrochen und die Truppen blockierten den Fluss.

Später kam ein ausführlicher Brief an, in dem die lettischen Brüder berichteten, wie sie über die Donau kamen, die rumänische Grenze passierten und durch Gottes Gnade Lettland erreichten. Wir hörten alle in Verzückung zu. Danach holte Savka das lettische Hemd, zeigte es uns und erzählte seine Geschichte. Der Meister hatte es übergezogen, damit die Letten eine ständige Verbindung zu ihm unterhalten und Hilfe von ihm bekommen konnten. Diese Methode hat der Meister auch mit anderen Brüdern in verschiedener Weise angewendet.

Savka pflegte den Kontakt zu den Letten. Sie war früher nach Lettland gereist, um dort Vorträge über die Lehre und den Meister zu halten. Der Meister soll zuerst damit nicht einverstanden gewesen sein. Aber sie bestand so stark darauf, dass er sie hinfahren ließ. Welche Gründe der Meister gehabt haben mag, dass er Savka aufhalten wollte, wissen wir nicht. Auf Grund meiner persönlichen Erfahrung mit dem Meister denke ich: Er war dagegen, dass wir, die wir einmal nach Bulgarien gekommen und hier inkarniert waren, das Land, die [esoterische] Schule verließen und von den Bedingungen abwichen, die der Himmel uns vorgezeichnet hatte. Es gab Augenblicke, wo wir nicht beurteilen konnten, was richtig, was für uns nützlich war und was uns auf unserem Weg hätte aufhalten können. Wir hatten nicht die notwendigen Kenntnisse, hatten keine Unterscheidungsfähigkeit. Unsere einzige Rettung vor dem Abweichen vom Weg der Schule war die Treue, die wir dem Meister gegenüber zeigen konnten.

Savka packte ihren Koffer, erhielt die Belehrung durch den Meister und ging vor der Abreise zu ihm, um ihn um seinen Segen zu bitten. Er sagte ihr: „Wenn du dorthin kommst und die Lehre der Weißen Bruderschaft vorträgst, werden die Letten nach jedem Vortrag deine Hand küssen wollen. Du musst wissen, dass sie dann meine Hand küssen werden. Das darf dich nicht beklemmen, sondern dich eifrig machen, damit du deine Aufgabe erfolgreich erfüllst“ …

1939 wurde Lettland von Stalins Truppen besetzt und schloss sich dem Sowjetimperium an. Ein großer Teil der Brüder und Schwestern wurde zusammen mit anderen Letten interniert und nach Sibirien gebracht, wo sie ums Leben kamen. Wenige von ihnen blieben in Lettland am Leben. Sehr selten erhielt jemand von uns einen Brief von den restlichen Letten, die überlebt hatten. Das Hemd, das der Meister in „Izgreva“ anzog, das sie ihm geschenkt hatten, beschützte sie am Anfang. Doch nachdem sie Lettland unversehrt erreicht hatten, kamen viele von ihnen zu Schaden und mussten mit ihrem Leben bezahlen. Hier zog der Meister das lettische Hemd für sie an – dort hätten sie das Hemd des Meisterwortes anziehen sollen, um sich zu retten. Sie haben es nicht getan – wenige haben es getan, und diese konnten sich retten und blieben am Leben. Warum? Es gibt ein okkultes Gesetz, das der Meister in seinen Vorträgen erläutert hat. Es besagt: „Das Schwert des Geistes – das ist das Wort!“ Das Schwert des Geistes – das ist das Wort Gottes. Das Wort Gottes war das, was der Meister vortrug. Und wenn sie den Mantel dieses Wortes angezogen hätten, hätten sie sich gerettet. Die wenigen Überlebenden haben die Richtigkeit meiner Erzählung bewiesen. Das war die Lehre der Geschichte vom lettischen Hemd.

* Savka Keremidtschieva war eine der engsten Schülerinnen um den Meister, die durch ihre deutsche Mutter Therese Deutsch fließend sprach und den Kontakt zu den Letten pflegen konnte.

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