Die Geister und der Meister

Auszug aus den Erinnerungen von Maria Todorova (1898-1976), Schülerin von Beinsa Douno, die zum engsten Kreis um den Meister gehörte. („Изгрева” – “Der Sonnenaufgang der Weißen Bruderschaft – wie er singt und spielt, lernt und lebt“ – Bandreihe mit Memoiren der Schüler Beinsa Dounos, Band 1, Vergilij Krastev (Herausg.), Sofia, 1993. Quelle

„Auf einem der regelmäßig veranstalteten Ausflüge ins Vitoschagebirge saßen die Freunde um den Meister und warteten auf das Aufkochen des Wassers, um Tee zu trinken. Alles war fertig und Savka [Keremidtschieva] goss vorsichtig Tee in eine Tasse und ging sehr langsam auf den Meister zu, um die randvoll gefüllte Tasse nicht zu verschütten. Warum hatte sie die Tasse randvoll gefüllt? Um das Prinzip der Fülle hervorzuheben, das beim Meister wichtig ist. Allerdings galt das für den Meister, der für uns, durstigen Schüler, die Leben spendende Quelle war, an der, also an seinem Wort, wir uns nährten. Deshalb hätte Savka ihm nicht die Tasse randvoll füllen sollen. Aber sie wollte sich besonders hervortun.
Auf einmal stolperte und stürzte sie, die Tasse flog davon und landete auf einem Stein, wo sie in Stücke zerbrach. Savka stand verwirrt, sie sah schuldbewusst zum
Meister hin, der auflachte. Über dieses Vorkommnis erzählte der Meister,
dass es deshalb lustig war, weil Savka die Tasse zu tragen versuchte, ohne
einen einzigen Tropfen zu verschütten. Doch die Geister ließen sie stolpern, um zu zeigen, dass sie auch existieren. Der Teetropfen, der hätte auslaufen sollen, war für sie vorbestimmt, denn sie wollten auch aus dem Tee trinken, der dem Meister überreicht wurde. Und eine andere Möglichkeit hatten sie nicht. Der Tropfen hätte aus der Tasse laufen sollen oder sie mussten Savka zum Stolpern bringen, damit die Tasse zerbrach.
Die Geister vergnügten sich manchmal mit solchen Scherzen und der Meister ließ sie bis zu einer bestimmten Grenze gewähren, denn durch solche Vorkommnisse bekamen wir eine praktische Ausbildung in der [okkulten] Schule. Außer uns gab es ja auch andere Wesen um uns herum, die das Recht hatten, beachtet zu werden. Deshalb gossen die alten Bulgaren einst einen winzigen Teil ihres Getränkes auf den Boden, damit es für alle Durstigen etwas gab – in der sinnlichen und in der übersinnlichen Welt. Diese Symbolik werdet ihr durchgehend im Meisterwort entdecken.“

 

 

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