Zwei Deutschlands

Aus den Erinnerungen des Artillerieoffiziers Тоdor Bozhkov ( „Изгрева” – “Der Sonnenaufgang der Weißen Bruderschaft – wie er singt und spielt, lernt und lebt“ – Bandreihe mit Memoiren der Schüler Beinsa Dounos, Band 25, Vergilij Krastev (Herausg.), Sofia, 1993) Quelle

„Es geschah 1942 oder 1943. Der Krieg an der Ostfront zwischen Deutschland und Russland tobte mit aller Wucht. Anfangs hatte Hitler die Oberhand, еr hatte Moskau, Leningrad und Stalingrad erreicht, aber seine Kräfte gingen zur Neige. Die Offensive wurde gestoppt und er erlitt immer mehr Niederlagen. Das anfängliche Glück in der Kriegsführung trat zurück und es folgten einzelne Niederlagen und militärische Misserfolge. Es war offensichtlich, dass Hitler mit einem vollständigen und endgültigen Sieg über Russland nicht mehr rechnen konnte. Natürlich war die russische Überlegenheit noch nicht auf jenem Höhepunkt, auf dem mit einer Kapitulation Deutschlands gerechnet werden konnte. Es war trotzdem zu erkennen, dass nach langem Widerstand und Kampf Deutschland gezwungen sein würde, um Frieden zu bitten.
In dieser Situation erinnere ich mich an die folgende Aussage des Meisters in einem Fall, als ich einmal mit ihm allein war. Der Meister sagte mir Folgendes: „Jetzt ist es an der Zeit, dass Deutschland den Russen Frieden vorschlägt, solange es noch nicht zu spät ist.“

Ich kannte den Stolz und die Unnachgiebigkeit der Deutschen in jenem Moment und sagte dem Meister, dass es meiner Meinung nach unmöglich sei, dass die Deutschen um Frieden bitten. Die Deutschen würden mit der Demütigung, als Erste Russland Frieden vorzuschlagen nicht einverstanden sein, denn sie hassen die Russen und halten sie für eine niedrigere Rasse. Der Meister sagte: „Wenn sie jetzt nicht demütig werden und um Frieden bitten, werden sie später viel mehr gedemütigt werden als jetzt und müssen den Frieden unter Bedingungen anstreben, die viel erniedrigender für sie sein werden. Außerdem wird dann Deutschland in zwei Teile gespalten, und zwar für lange Zeit.“

Natürlich wusste und konnte sich damals niemand vorstellen, wie sich die Dinge in ein bis zwei Jahren entwickeln würden und dass Deutschland so gedemütigt werden würde, dass es einer bedingungslosen Kapitulation zustimmen und darüber hinaus in zwei Staaten geteilt sein würde. Wer und warum und wie würde Deutschland teilen? Eine Niederlage – ja, das schien vorstellbar, aber eine Teilung Deutschlands war in jener Zeit etwas völlig Unbegreifliches. Damals bestand noch die Möglichkeit, dass die westlichen Länder im letzten, für Deutschland kritischsten Augenblick ihm noch aus der schwierigen Situation heraushelfen würden. Darauf vertraute ja Hitler, deshalb verlor er bis zum Ende diese Hoffnung nicht und führte den Kampf mit ungewöhnlicher Hartnäckigkeit und Unnachgiebigkeit. Wegen seiner kurzsichtigen, begrenzten Sichtweise wollte er es nicht wahrhaben, dass die westlichen Staaten sich der List bedienten, diese Hoffnung absichtlich in ihm zu nähren. Die westlichen Staaten wollten den Kampf zwischen Deutschland und Russland bis zur völligen Erschöpfung der beiden kriegführenden Länder aufrechterhalten. Ihnen waren Deutsche und Russen gleich verhasst und gefährlich, obwohl die einen Feinde auf dem Schlachtfeld und die anderen angebliche Verbündete waren.
Der Krieg ging im Mai 1945 zu Ende. Er endete mit dem Sieg über Deutschland und hinterließ ein zerstörtes und verwüstetes Europa. Alle haben die Rechnungen ohne den Wirt gemacht. Es ging jener Wahnsinn zu Ende, der das Ergebnis der Kurzsichtigkeit und Engstirnigkeit der Staatsmänner der großen europäischen Völker war. Heute, 33 Jahre nach Kriegsende, erinnere ich mich an die Worte des Meisters: „Deutschland wird in zwei Teile gespalten, und zwar für lange Zeit.“
Deutschland ist heute noch gespalten – in eine östliche DDR und eine westliche BRD. Wird Deutschland jemals wieder einig sein, wie es einmal war? Das ist eine Frage, die vor uns und vor der Geschichte steht. Diese Frage steht auch vor den großen Staatsmännern des heutigen Europas. Doch über all dem ruhen der Blick, die Einsicht und die Weisheit des hellsten Geistes der Zeit, der in diesen für die Menschheit schicksalhaften Zeiten alles überblickt, berät und leitet. Ist jemand da, der das hört, versteht und anzuwenden weiß? Das ist eine große Frage, die uns und die ganze Menschheit beschäftigt. Ach, wie lange wird diese Menschheit blind, taub, unverständig und stolz sein?“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s