„Freuen will ich mich im Herrn“

Das Lied „Freuen will ich mich im Herrn“, dessen Text die bulgarische Übersetzung von Jesaja 61:20 darstellt, gab der Meister während des Ersten Weltkriegs in Varna. Boris Nikolov – einer seiner engsten Schüler – berichtet Folgendes über die Entstehung des Lieds (veröffentlicht im Buch „Der Sonnenaufgang der Weißen Bruderschaft – wie er singt und spielt, lernt und lebt“ – Bandreihe mit Memoiren der Schüler Beinsa Dounos, Band 1, Vergilij Krastev (Herausg.), Sofia, 1993): 

1917 befahl König Ferdinand, den Meister in Varna zu internieren, weil er gesagt hatte, dass die Deutschen den Krieg verlieren würden. Während er in Varna interniert war, lebte der Meister in jenem kalten Winter des Jahres 1917 im Hotel „London“. Oben im vierten Stock, in einem kleinen Zimmer wärmte sich der Meister an einer Kohlenpfanne, die er selbst mit Holzkohle entzündete. In jener Dachkammer schuf er das Lied „Freuen will ich mich im Herrn“. Er wurde von Zeit zu Zeit von Freunden aus Varna besucht. Morgens gingen sie in die Gegend Taschlata, um den Sonnenaufgang zu erleben. Es kamen auch viele Brüder und Schwestern vom Land, beurlaubte Soldaten von der Front und Besucher aus den Dörfern. In dieser bescheidenen Atmosphäre wurden Gespräche um die Kohlenpfanne geführt – man schüttete seine Klagen aus, teilte seine Schwierigkeiten – es war eine schwierige Zeit damals, als der Europäische Krieg tobte.

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      Das Hotel „London“ in Varna, Aufnahme aus den 30er Jahren, Quellennachweis

Der Meister sang den Freunden das neue Lied „Freuen werde ich mich im Herrn“ vor. Zuerst spielte er es auf der Geige und sang es ihnen vor, bis sie es lernten. Aber einige der Freunde wünschten, dass das Lied notiert wird, damit sie es an andere Freunde senden konnten. Der Meister willigte ungern ein und das Lied wurde notiert. Er sang es frei, nach der Inspiration, mit der auch der Rhythmus des Liedes kam. Und jetzt, als sie es notiert hatten, ließ er die Freunde das Lied nach den Noten spielen und es stellte sich heraus, dass die Melodie begrenzt war. Der Meister drückte seine Einstellung zum Notieren folgendermaßen aus: „Wir haben dem Lied ein Kleid genäht, aber das Kleid ist zu eng, es schränkt das Lied ein.“ Er war nicht sehr erfreut darüber, dass die Melodie in Takten und Noten eingeengt war. Natürlich ist das Notieren nicht perfekt, es unterwirft die Melodie bestimmten Regeln – toten Regeln. Die Inspiration, das inspirierte Vortragen ist eben eine Abweichung von diesen Regeln und Gesetzen der Musik. Darin besteht die Kunst – sie ist keine Geometrie. Nimm das Lineal und zeichne eine Linie oder nimm den Zirkel und zeichne einen Kreis – das sind Regeln und Gesetze. Zeichne den Kreis oder die Gerade mit deiner freien Hand. Die Kunst besteht gerade in diesem Verstoß gegen die Regeln und Gesetze der Wissenschaft. Wenn man von den geometrischen Formen abweicht, spürt man die Freiheit in der Kunst. Durch die Inspiration nähert sie sich den höheren Dimensionen der Realität, durch die Bilder und Formen des Menschlich-Vergänglichen.

Der Meister holte das neue Lied herunter und trug es mit Inspiration vor, mit der Breite und Höhe, die zu den himmlischen Sphären reichten, aus denen es gekommen war. Man nähte dem Lied ein Kleid, notierte es und schränkte es ein. Das macht die heutige Musiktheorie mit der echten Inspiration. Bei der neuen Menschheit, die kommen wird, wird der Mensch nicht eingeschränkt sein und mit seiner Freiheit und Inspiration so umgehen, wie es die Anregung seiner Seele erfordert.

Der Krieg endete so, wie der Meister vorausgesagt hatte – die Deutschen verloren und zusammen mit ihnen erlitt Bulgarien eine zweite nationale Katastrophe. Auch diesmal hörte man nicht auf den Meister – soviel konnte dieses Volk tun. Wie oft hat es der Meister vor dem Elend gerettet? Die Bulgaren wissen nicht, was sie ihm schulden.

Das Lied in der Version für Chor und Orchester

und in der Interpretation von Girgina Girginova

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