„Der Schüler muss zuerst um etwas bitten, dann wird es ihm der Meister geben„ – die Entstehung der „Bulgarischen Idylle“

„Die bulgarische Idylle“ auf Soundcloud

„Die bulgarische Idylle“ auf Youtube

Das Lied in der Interpretation von Girgina Girginova

Text:

Ти си ме, мамо, човек красив родила,
умен да стана, добре да мисля, добре да любя.
Туй живота е на рая. (Mutter, du hast mich als einen schönen Menschen geboren, dass ich klug werde, dass ich gut denke, gut liebe. Das ist das Leben des Paradieses.)

Рай, рай рай, рай, рай, (Paradies…, Das ist ein Paradies.)
Рай, рай рай, рай, рай,
Рай, рай рай, рай, рай,
Рай, рай рай, рай, рай, рай.
Туй е рай, рай, рай.

Кажи ми, кажи ми, кажи ми
сладки думи две.
Твойте думи две, сладки думи две.
Твойте думи две, сладки думи две. (Sag mir, sag mir, sag mir zwei süße Worte. Deine zwei Worte, zwei süße Worte.)

Туй е рай, туй е рай, туй е рай, рай. (Das ist ein Paradies.)

 

In der „Idylle“ sind die Motive einer pastoralen Symphonie enthalten. Ein Meistermusiker wird in der Zukunft geboren werden und sie weiterentwickeln. Was der Meister gesät hat, wird Früchte tragen für das Wohl der ganzen Menschheit.

Die Idylle beschreibt die Sehnsucht der bulgarischen Seele nach dem Ewigen und dem Großen im Leben – sie will den inneren Sinn des Lebens verstehen, nach der ewigen Wahrheit, der ewigen Liebe reichen, die das Sein erfüllt. Sie sieht die Existenz einer schönen Welt in ihrem Inneren und möchte diese Wirklichkeit werden lassen.

Aus den Erinnerungen von Boris Nikolov (1900- 1991) – „Изгрева” – “Der Sonnenaufgang der Weißen Bruderschaft – wie er singt und spielt, lernt und lebt“ – Bandreihe mit Memoiren der Schüler Beinsa Dounos, Band 1, Vergilij Krastev (Herausg.), Sofia, 1993.
 
Es war der eiskalte Winter von 1920. Ein Bruder kam aus der Provinz nach Sofia. Hohe Schneewehen lagen überall, es tobte ein Schneesturm. Die Züge fuhren mit großer Verspätung. Statt um zehn Uhr vormittags kam der Zug um zwei Uhr nachts an. Die wenigen Passagiere gingen auseinander und der Bruder blieb allein auf dem Bahnsteig. Er kannte nur das kleine Haus in der Opaltschenska 66, in dem der Meister wohnte und er machte sich auf den Weg dorthin. Er schob seine Hände tief in die Taschen seines abgenutzten Mantels, machte seinen Körper so stramm wie möglich und ging los. Der Schnee schrie verzweifelt unter seinen Fußstapfen, Nadeln stachen in seiner Nase, die Augenlider drohten ihm zu erfrieren und der Atem kam als dicker weißer Dampf aus seinem Mund. Die Stadt war tot. Der Bruder kam am Haus des Meisters an. Es war dunkel, kein Licht. Er schob das Gartentor – es war offen. Er trat in den Garten ein. Dann stand er an der Tür des Meisters und wagte sich nicht zu bewegen, um keinen Lärm zu machen. Der Schüler traute sich nicht zu klopfen, obwohl er fühlte, dass er zu erfrieren begann. Er näherte sich der Tür an, hob die Hand und winkte nur kurz vor der Tür. Er klopfte nicht, sondern winkte nur. In dieser Zeit leuchtete im Zimmer des Meisters ein Licht auf. Die Innentür öffnete sich, dann die Außentür und der Meister stand vor ihm: „Kommen Sie rein, kommen Sie rein!“ Der Bruder konnte sich kaum bewegen, er trat ein, aber er konnte nicht sprechen – sein Gesicht ähnelte einer Eismaske. Der Meister begann zu hantieren, er zündete den Herd an und stellte den Teekessel auf. Angenehme Wärme verteilte sich im Raum. Der Bruder begann aufzutauen, er konnte auch wieder sprechen.
Das Wasser kochte. Der Meister stellte zwei Tassen auf den Tisch, schnitt zwei Zitronenscheiben ab, nahm Brot und Käse heraus und legte Brotscheiben auf den Ofen. Der Bruder lebte wieder auf. Als er die erste Tasse Tee leergetrunken hatte, fragte er den Meister: „Meister, Sie hätten doch wissen müssen, dass ich draußen war. Warum haben Sie nicht sofort geöffnet, sondern haben mich frieren lassen?“ Der Meister schwieg einen Moment und sagte: „Das Gesetz lautet: „Der Schüler muss um etwas bitten – dann wird der Meister es ihm geben.“ Obwohl du nicht geklopft, sondern nur zut Tür gewinkt hast, hast du gebeten!“
So lernte der Bruder auch das erste Gesetz: „Bittet, so wird euch gegeben!“ Dieser Bruder war Peter Kamburov…
Nach dem Vorfall, von dem ich erzählte, übernachtete Peter Kamburov einige Tage in der Opaltschenska 66 – unten im Speisezimmer. Die zweite Nacht musste er in der Küche verbringen. Schwester Janakieva wusch ab und summte dabei ein Lied. Und Peter dachte: „Wenn ich jetzt eine Geige hätte, würde ich dieses Lied lernen. Aber ohne Geige geht es nicht.“
Peter nahm die Schaufel und die Feuerzange, die neben dem Herd lagen, legte die Zange wie einen Bogen auf die Schaufel – er stellte sich vor, sie sei eine Geige – und die Feuertange wie einen Bogen auf der Schaufel bewegend, begann er die Melodie zu summen. In diesem Moment kam der Meister die Treppe herunter, stieß die Tür auf und Peter schob die Geräte schnell unter den Ofen. Der Meister öffnete die Tür, sah Peter an und sagte zu ihm: „Willst du Geige spielen?“ Schwester Janakieva sagte: „Meister, er hat bisher mit der Schaufel und der Feuerzange gespielt!“ Der Meister sagte zu ihr: „Komm, lass mich dir eine Geige für den Bruder geben.“ Schwester Janakieva ging mit und kehrte mit einer Geige zurück. Peter konnte vor Aufregung kaum sprechen, er stimmte nur die Saiten und traute sich nicht, auf der Geige zu spielen. Es war schon zehn Uhr abends. Nach einer Weile kam der Meister und betrat die Küche. Er hatte seine Geige dabei und sagte zu Peter: „Komm schon, lass uns jetzt zusammen spielen.“ Und sie fingen an zu spielen. Der Meister spielte eine Melodie und Peter – eine andere. Der Meister ließ ihn mehrere bulgarische Volksmotive spielen, bis es zwölf Uhr wurde. Schließlich spielte der Meister Peter das Lied „Idyllе“ vor. Das ist ein veredeltes bulgarisches Volksmotiv. Dazu sagte der Meister: „Ich habe zwanzig Jahre lang an der bulgarischen Musik gearbeitet, um sie zu verfeinern.“ Dann begann der Meister ihm diese Melodie beizubringen…
„Die Idylle“ und Bruder Georgi Kurtev
Ungefähr zwei Monate bevor Bruder Georgi Kurtev dahinschied, erhielt Peter Kamburov einen Brief: „Bruder Peter, bitte komm, wenn ich gestorben bin und spiel mir „Die Idylle“, bevor man mich auf den Wagen legt.“ Als der Meister 1920 das Lied zum ersten Mal gab, sagte er: „Mit diesem Lied führen die Engel die Seelen der Gerechten zu Gott.“
Peter, der ein Telegramm erhalten hatte, dass Bruder Georgi gestorben war, fuhr nach Ajtos und spielte ihm die „Idylle“ vor. Das war am 15. Februar 1961 während einer totalen Sonnenfinsternis. Es gibt Beziehungen im Leben, die wir nicht kennen.

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